Die kontrovers geführte Diskussion um die neuen Bezeichnungen der Fortbildungsstufen für die höherqualifizierende Berufsbildung greift zu kurz. Eine aktuelle CHE Publikation zeigt: Wer Konflikte an der Schnittstelle zwischen akademischer und beruflicher Bildung dauerhaft lösen will, muss das System nachschulischer Bildung in Gänze in den Blick nehmen und an seiner Verschränkung statt an der Namensgebung arbeiten.

Die vom Bundestag beschlossene Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) sieht vor, mit dem „Bachelor Professional“ und dem „Master Professional“ neue Abschlussbezeichnungen für die höherqualifizierende Berufsbildung einzuführen. Die an Hochschulabschlüssen orientierten Bezeichnungen sollen die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung unterstreichen.

Vor der Beratung des zustimmungspflichtigen Gesetzes am 29. November im Bundesrat sorgt der Gesetzesentwurf allerdings für Streit. Die Hochschulen sehen ihre Bachelor- und Master-Abschlüsse entwertet, die berufliche Seite ihren Wunsch nach Anerkennung ignoriert. Das eigentliche Ziel, berufliche Kompetenzen durch neue Abschlussbezeichnungen der höheren Berufsbildung sichtbarer zu machen, führt nicht zu einem besseren Zusammenspiel der Teilsysteme – das nötig wäre –, sondern zu einer Verhärtung der Fronten.

Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE, merkt dazu an: „Akademische und berufliche Bildungswege sind nicht gleich – dann sollten ihre Abschlüsse auch nicht gleich heißen. Berufliche Abschlüsse sind gleichwertig zu akademischen, aber andersartig. Das muss sich auch in andersartigen Abschlussbezeichnungen ausdrücken.“ Etablierte Bezeichnungen für Hochschulabschlüsse auf die berufliche Bildung zu übertragen, sei angesichts unterschiedlicher Grundausrichtung Augenwischerei.

Die Diskussion um Abschlussbezeichnungen ignoriert auch die tieferliegenden Umwälzungen im Verhältnis zwischen akademischer und beruflicher Bildung. Duale Studiengänge, Studierende ohne Abitur oder Azubi-Programme für Studienabbrecher zeigen: Die ehemals klar getrennten Bereiche der akademischen und beruflichen Ausbildung haben immer größere Schnittmengen. Insbesondere Hochschulen verschränken zunehmend Berufspraxis und Wissenschaft.

Eine aktuelle Publikation des CHE zeichnet die Entwicklung nachschulischer Bildung nach und verweist auf das aktuelle Dilemma: Die Vielfalt individueller Bildungswege wächst unkoordiniert in Form lokaler Einzellösungen.

In Deutschland nimmt der Anteil routinebasierter Arbeitsaufgaben ab. Das führt zu veränderten Erwartungen an die nachschulische Bildung, wie die Analyse des CHE zeigt.

Hochschulexperte Frank Ziegele konstatiert: „Dass ein Wechsel zwischen akademischer und beruflicher Bildung in beide Richtungen grundsätzlich möglich ist, ist eine gute Entwicklung. Immer mehr Jugendliche wollen für ihre Bildungsbiografie das Beste aus beiden Welten. Aber: Wie gut akademische und berufliche Bildung kooperieren, wie gut Übergänge gelingen, das hängt sehr vom Engagement einzelner Institutionen, Verbände oder Hochschulen ab.“

Aus Sicht des CHE besteht aktuell Handlungsdruck. Solange akademische und berufliche Bildung weiterhin als getrennte Systeme agieren, werden die Schnittstellenprobleme, die sich für Bildungsinteressierte ergeben, nicht zu lösen sein.

In ihrer Publikation plädieren die CHE Experten deshalb für strukturelle Lösungen. Ziegele: „Henry Kissinger soll als Außenminister der USA einmal gesagt haben: ‚Wenn ich mit Europa reden will, wen muss ich dann anrufen?‘ Wer heute den Zuständigen für nachschulische Bildung sprechen will, würde ebenfalls auf eine lange Liste mit Telefonnummern verwiesen werden. Selbst Wissenschafts-, Wirtschafts- und Kultusministerien arbeiten immer noch nebeneinander, mitunter sogar gegeneinander. Die Politik muss schnellstmöglich eine Gesamtperspektive nachschulischer Bildung etablieren. Das Ziel muss ein System nachschulischer Bildung sein, das primär die Interessen der Nutzer im Blick hat. Sie brauchen Transparenz über offenstehende Bildungswege, ihnen müssen alle Strukturen, Informationsangebote und Anrechnungssysteme nutzen.“

Auf Seiten der Hochschulen gibt es dank des Bologna-Prozesses mit dem European Credit Transfer System (ECTS) ein Anrechnungssystem, das Kompatibilität sicherstellt. Hinzu kommt mit dem Diploma Supplement ein im System verankertes Zertifikat, das als Beilage zum Abschlusszeugnis bestehende Kompetenzen sichtbar macht.

Dieser Ansatz könne, so CHE Geschäftsführer Frank Ziegele, einen pragmatischen Lösungsansatz bei der Sicherstellung guter Übergänge zwischen den Bildungssektoren liefern: „Was wir jetzt an der Schnittstelle zwischen beruflicher und akademischer Bildung brauchen, sind übergreifende Anrechnungsstandards. Das schafft Transparenz, auch bezüglich der jeweiligen Stärken sowie Funktionalitäten und erhöht die gegenseitige Durchlässigkeit zwischen den Teilsystemen. Was jetzt nicht weiterhilft, ist eine Arbeit an der Fassade. Eine Anlehnung der Abschlussbezeichnungen höherqualifizierender Berufsbildung an Begriffe des Wissenschaftssystems löst keine Probleme, sondern schafft nur Verwirrung.“

Über die Publikation
Die CHE Publikation „Zwischen Versäulung und Verschränkung – Wie das Hochschulsystem auf veränderte Bildungsziele reagiert“ beschreibt auf 53 Seiten die Entwicklung der nachschulischen Bildung in Deutschland. Die Autoren Ulrich Müller und Thimo von Stuckrad zeigen die zunehmende Verschränkung von akademischer und beruflicher Bildung auf, benennen aktuelle Handlungsbedarfe und diskutieren Entwicklungsszenarien.

Ulrich Müller

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