Foto: Juraj Varga / Pixabay, Montage: CHE

Die Ampel-Koalition will das BAföG in Deutschland reformieren. Wie dringend der Handlungsbedarf ist, verdeutlicht eine aktuelle CHE Auswertung zur Studienfinanzierung. Sie zeigt, dass bedeutende Studierendengruppen derzeit von einer BAföG-Förderung ausgeschlossen sind. Eine Übersicht über Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Finanzierungsinstrumente belegt zudem die komplexe Herausforderung, sich aus verschiedenen Quellen einen persönlichen Finanzierungsmix zusammenstellen zu müssen.

Das BAföG verliert in Deutschland immer stärker an Bedeutung. Seit dem Jahr 2012 erreicht die BAföG-Quote jedes Jahr einen neuen Tiefststand. 2020 lag der Geförderten-Anteil an allen Studierenden in Deutschland nur noch bei rund 11 Prozent.

Die geringe Förderquote lässt sich auch damit erklären, dass bedeutende Anteile der Studierenden prinzipiell von einer Förderung ausgeschlossen sind.

Dies gilt sowohl für Studierende an privaten Hochschulen, deren Studiengebühren nicht vom BAföG-Darlehensanteil abgedeckt werden (9 %), als auch für formal Teilzeit-Studierende (8 %). Auch die Fördervoraussetzung eines Studiums innerhalb der Regelstudienzeit trifft auf zwei Drittel der aktuellen Studierenden-Generation nicht mehr zu. Ebenfalls ohne staatliche Unterstützung bleiben Studierende über 35 Jahre, deren Anteil aktuell bei mindestens drei Prozent liegt.

 

„Die mittlerweile dramatische Krise des BAföG hängt nicht an einzelnen Fördersätzen und Freibeträgen, sie ist eine grundlegend konzeptionelle “, konstatiert Ulrich Müller. „Mit seiner traditionellen Normvorstellung eines Studiums ignoriert das BAföG eine längst vielfältigere Realität. Der ursprüngliche Ansatz des BAföG ist immer noch aktuell: Türen öffnen, Wege ebnen und Chancengleichheit herstellen. Aber in der Verwirklichung dieses Zieles scheitert das BAföG zunehmend. Es bietet Antworten von gestern auf die Fragen von heute: es geht an der Lebensrealität der heutigen Studierendengeneration deutlich vorbei“, so der Experte für Studienfinanzierung beim CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie gezeigt, dass das BAföG in seiner jetzigen Ausgestaltung nicht krisenfest ist. Es ist nicht darauf angelegt, flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren. Als Reaktion auf die Auswirkungen der Pandemie, u.a. den Wegfall zahlreicher Nebenjobs, die für rund zwei Drittel der Studierenden wichtigste Finanzierungsquelle sind, wurde mit der temporären „Überbrückungshilfe“ ein weiteres Finanzierungsinstrument mit wieder eigenen Förderbedingungen eingeführt.

Auch deshalb sei das Vorhaben der Ampel-Koalition, das BAföG in den kommenden Jahren grundlegend zu reformieren, so unterstützenswert wie überfällig. „Schönheitsreparaturen reichen längst nicht aus, nötig ist jetzt ein großer Wurf. Entscheidend wird dabei sein, dass die Neuerfindung des BAföG sich strikt an der Lebensrealität orientiert und das BAföG Studieninteressierten klarer als bisher Orientierung und Erwartungssicherheit in Finanzierungsfragen bietet. Dafür muss es ganz unterschiedliche Eventualitäten und Lebenslagen auffangen sowie Bildungsbiografien und Studienmodelle ermöglichen.“

Das CHE spricht sich dafür aus, im Zuge der BAföG-Reform ein zukunftsfähiges System staatlicher Studienfinanzierung zu entwerfen, das mindestens den KfW-Studienkredit, den Bildungskredit und die Überbrückungshilfe zu einem umfassenden und in sich flexiblen Systems der Studienfinanzierung bündelt. Nur ein solches verständliches wie verlässliches Modell der Studienfinanzierung könne dauerhaft eine chancengerechte Beteiligung an hochschulischer Bildung gewährleisten.

 

Über die Publikation 

Das CHE Format CHECK bietet einen schnellen – überwiegend visuellen – Überblick zu unterschiedlichen Themen. Für eine Darstellung der Fördermittel und deren Bedeutung für die Studienfinanzierung in Deutschland zum Wintersemester 2021/22 hat das CHE aktuelle Daten aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Autor*innen der Publikation „CHECK – Studienfinanzierung in Deutschland 2021“ sind Ulrich Müller, Jan Thiemann und Melisande Riefler. Sämtliche visuellen Inhalte stehen als Grafik in der CHE Flickr-Cloud zur Verfügung.

 

Reaktionen auf die Publikation

Ein Gespräch zwischen Ulrich Müller und Matthias Anbuhl (Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW) mit dem Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda zur Veröffentlichung des CHECKs ist hier online zu lesen.

Interview zur Veröffentlichung mit Ulrich Müller im Deutschlandfunk (08.12.2021)

Ulrich Müller

Leiter politische Analysen

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E-Mail: Ulrich.Mueller@che.de

Assistenz:
Tanja Ologe
Tel.: +49 5241 9761-58

Arbeitsschwerpunkte:
Hochschulräte, Individuelle Studienfinanzierung / Studienkredite, Studienbeiträge, Student Services / Studentenwerke, Landeshochschulgesetze, Reformmonitoring, staatliche Steuerung

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