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Ob neue Pflege- und Betreuungskonzepte im ländlichen Raum oder die Einführung familienfreundlicher Arbeitszeitmodelle: Soziale Innovationen, also neue soziale Praktiken oder Organisationsformen, sind allgegenwärtig. Die Ursprünge solcher Entwicklungen liegen aber bislang selten auf dem Campus. Eigentlich bringen Hochschulen dabei gute Voraussetzungen mit, Brutkästen für Soziale Innovationen zu sein. Das CHE hat nun ein Modell erarbeitet, das die Wege von Sozialen Innovationen an Hochschulen, die dahinterliegenden Prozesse und die Phasen bis zu ihrer Etablierung erstmals umfassend abbildet.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutscher Hochschulen haben durch Forschung, Entwicklung und Transfer bereits zu Sozialen Innovationen beigetragen. Im Vergleich zu öffentlichen Einrichtungen, NGOs oder privaten Unternehmen spielen Hochschulen als Entstehungsort solcher Neuerungen allerdings eine untergeordnete Rolle. Nur an rund 15 Prozent aller Sozialen Innovationen sind Hochschulen beteiligt.

„Dabei bieten die deutschen Hochschulen grundsätzlich gute Voraussetzungen, Soziale Innovationen zu initiieren, unter anderem durch verstärkte anwendungsorientierte Forschung in neuen akademischen Disziplinen wie etwa der Pflegewissenschaft“, sagt Studienautor Cort-Denis Hachmeister vom CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Das CHE hat nun ein theoretisches Modell entwickelt, mit dem hochschulische Projekte beschrieben werden können, die Soziale Innovationen zur Folge hatten oder auf längere Sicht haben könnten. Soziale Innovation meint dabei die Veränderung von sozialen bzw. gesellschaftlichen Praktiken, Organisationsformen oder auch von Haltungen und Werten.

Bei solchen Projekten laufen zwei Handlungsstränge parallel: Zum einen wird im Projekt eine Prozesskette aus Vorbedingungen, Aktivitäten, Resultaten und Folgen durchlaufen. Für ein hochschulisches Projekt müssen zunächst bestimmte Vorbedingungen erfüllt sein, etwa entsprechende Zeit- und Personalressourcen vorhanden sein, um Aktivitäten wie Befragungen, Recherchen oder Workshops mit Expertinnen und Experten durchzuführen. Im besten Fall entstehen dann Resultate in Form von neuen Konzepten, die publiziert werden und eine Soziale Innovation zur Folge haben können.

Wege sozialer Innovationen

Zum anderen durchlaufen Soziale Innovationen der Theorie nach sechs Phasen, an deren Ende ein gesamtgesellschaftlicher Wandel steht. Ausgangspunkt ist immer ein Problem (zum Beispiel die Versorgung Pflegebedürftiger im ländlichen Raum), für das es bislang keine befriedigende Lösung gibt. Dieses Problem wird dann analysiert (Phase 1) und Lösungsmöglichkeiten werden generiert (Phase 2). Die Lösungsmöglichkeiten werden in der Regel einem Praxistest (Phase 3) unterzogen und bei Erfolg wird die neue Lösung erst in kleinerem Rahmen (Phase 4) eingeführt, dann nach und nach skaliert (Phase 5), bis es zum grundlegenden Wandel kommt (Phase 6).

Anhand von 24 Beispiel-Projekten aus den beiden Bereichen Pflegewissenschaft und Arbeits- Organisations- und Wirtschaftspsychologie (AOW-Psychologie) wurde die Brauchbarkeit dieses Modell überprüft. Das CHE führte dazu Online-Interviews mit an den Projekten beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch und analysierte die Projekte hinsichtlich der durchlaufenen Prozessschritte und Innovations-Phasen.

Die untersuchten Projekte durchliefen alle die komplette Prozesskette von Vorbedingungen, Aktivitäten, Resultaten und Folgen. Die Analyse der Innovationsphasen zeigte dagegen keinen durchgängig linearen Verlauf, sondern acht unterschiedliche Wege, auf denen eine Soziale Innovation erreicht werden konnte. So wurden bei einigen erfolgreich etablierten Sozialen Innovationen Phasen auch übersprungen.

Das in der Publikation „Soziale Innovationen aus Hochschulen – Prozesse, Phasen und Wege“ vorgestellte Modell bietet laut Cort-Denis Hachmeister eine Grundlage für das Verständnis der Entstehung Sozialer Innovationen im Hochschulkontext. „Nur, wenn die Prozesse, Phasen und Wege Sozialer Innovationen aus Hochschulen bekannt und in strukturierter Form nachvollziehbar sind, ist es möglich, sie gezielt zu fördern und zu unterstützen“, erläutert der CHE-Forscher.

Über die Studie:

Die Publikation „Soziale Innovationen aus Hochschulen – Prozesse, Phasen und Wege“ ist die zweite Veröffentlichung im Rahmen des Projektes WISIH. Grundlage waren Interviews mit  25 Professorinnen und Professoren aus dem Bereich Pflegewissenschaft sowie der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie zwischen Mai und August 2020. Autorinnen und Autoren der Studie sind Isabel Roessler und Cort-Denis Hachmeister.

 

Über das Projekt WISIH:

 Das CHE Projekt „WISIH: Wege und Indikatoren Sozialer Innovationen aus Hochschulen im Bereich der Pflegewissenschaft und der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie“ ist im Oktober 2019 gestartet. Das Projekt beinhaltet auch einen Praxistest, bei dem unter realen Bedingungen an Fachhochschulen und Universitäten getestet wird, ob eine Erfassung von Indikatoren für Soziale Innovationen in der Praxis möglich ist. Das diesem Bericht zugrunde liegende Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 16IFI112 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autorinnen und Autoren. Weitere Informationen im CHE Projektsteckbrief.

Cort-Denis Hachmeister

Senior Expert Datenanalyse

Tel.: +49 5241 9761-35
Fax: +49 5241 9761-40
E-Mail: Cort-Denis.Hachmeister@che.de

Assistenz:
Tina Schürmann
Tel.: +49 5241 9761-39

Arbeitsschwerpunkte:
Forschung an Fachhochschulen / Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Hochschulzugang / Studierendenauswahl, Studienwahl, CHE Hochschulranking: Technische Betreuung, Online-Ranking deutsch/englisch

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