Was heißt es, in politisch stürmischen Zeiten als resiliente Hochschule aufzutreten?

Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung, gefährdeter Hochschulautonomie und wachsender Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit braucht es Hochschulen, die resilient und handlungsfähig bleiben. Resilienz meint dabei die Fähigkeit, Wissenschaftsfreiheit, institutionelle Handlungsfähigkeit und offenen Diskurs auch unter Druck zu bewahren – und zugleich der Gesellschaft zu dienen und ihr Orientierung zu geben.

Die Rahmenbedingungen verändern sich spürbar: Angriffe auf Forschende, Diskursverschiebungen, organisierte Anfeindungen und gezielte Verzerrungen wissenschaftlicher Ergebnisse treffen Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen zunehmend. Studien zeigen zudem, dass Hochschulleitungen Wissenschaftsfreiheit häufig als weitgehend gesichert wahrnehmen, während Bürger*innen die Gefahr politischer Einflussnahme höher einschätzen – ein Hinweis darauf, dass Wissenschaftsfreiheit nicht nur institutionell garantiert, sondern im öffentlichen Raum fortlaufend legitimiert und verteidigt werden muss. Gleichzeitig verdeutlichen Lageberichte aus der Hochschulpraxis, wie sehr Betroffene antisemitischer oder extremistischer Angriffe verlässliche Unterstützungsstrukturen mit klaren Zuständigkeiten, klare Positionierung der Hochschulleitungen und konsequentes Handeln benötigen.

Vor diesem Hintergrund arbeiten derzeit viele Hochschulen, Institutionen und Stiftungen an Themen wie Resilienz des Wissenschaftssystems, Umgang mit politischem Druck und Polarisierung, Wissenschaftssicherheit, Antisemitismus, Wissenschaftskommunikation und Schutz akademischer Freiheit. Das Feld ist jedoch stark fragmentiert: Leitfäden, Projekte, Daten, Positionspapiere und good practices aus Erfahrungswissen sind häufig schwer auffindbar.

Genau hier setzt diese Übersicht an. Ziel ist es, hilfreiche Ressourcen systematisch auffindbar zu machen und relevante Publikationen in einer Art Gesamtschau zusammenzuführen. Wir wollen vorhandene Evidenz sichtbar machen und Hochschulen sowie Wissenschaftseinrichtungen dabei unterstützt, Resilienz konkret umzusetzen.

Sollte eine aus Ihrer Sicht relevante Publikation in der Übersicht fehlen, freuen wir uns über einen Hinweis an sara.richau@che.de.

Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft | Handreichung 

GERDEA-Forschungsverbund in Kooperation mit dem Bundesverband Mobile Beratung e. V. (2025)

Die Handreichung ordnet die zunehmenden rechten Angriffe auf Wissenschaft und demokratische Institutionen in die aktuelle gesellschaftliche Polarisierung ein. Sie zeigt, wie die Strategien rechtsextremer Organisationenund Netzwerke bereits Wirkung entfalten – sichtbar an Diskursverschiebungen nach rechts im Umfeld der Landtagswahlen und der Bundestagswahl zu Jahresbeginn 2025. Vor diesem Hintergrund bietet die Publikation praxisnahe Orientierung, wie Wissenschaftler*innen und Institutionen Anfeindungen erkennen, einordnen und handlungsfähig bleiben können.

 

Hochschule in der ungesicherten Demokratie. Ansatzpunkte zur Stärkung der Resilienz

Justus Henke, Peer Pasternack (HoF) (2025)

Das Policy Paper beschreibt, dass aktuelle politische Entwicklungen Erosionsrisiken für die demokratische Einbettung sowie für die rechtliche Situation von Hochschulen und Forschungseinrichtungen erzeugen. Es argumentiert, dass diese Risiken nicht als gegeben hingenommen werden müssen, sondern Hochschulen aktiv gegensteuern können. Voraussetzung dafür sind eine nüchterne Situations- und Ursachenanalyse, eine systematische Risikoanalyse und daraus abgeleitete Handlungsprogramme. Konkret macht das Paper den Bedarf einer analysegeleiteten Resilienzstrategie anhand von drei „Brennglas“-Themen sichtbar: der Verantwortung der Hochschulbildung, dem Umgang mit wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Kontroversen sowie den Gefährdungen der Wissenschaftsfinanzierung.

Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen

Otto-Brenner-Stiftung: Christoph Haker, Lukas Otterspeer (2025)

Das Arbeitspapier arbeitet die Geschichte und die aktuellen Erscheinungsformen extrem rechter Aktivitäten im Hochschulkontext auf – und rückt dabei die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt. Es zeigt, dass Studierende und Beschäftigte im Wissenschaftsbetrieb bei rechten Vorfällen häufig allein gelassen werden und dass strukturelle Bedingungen (z. B. fehlende Routinen, unklare Zuständigkeiten, institutionelle Unsicherheit) eine verlässliche organisationale Reaktion erschweren. Damit macht die Studie sichtbar, wo Hochschulen in Prävention, Unterstützung und Krisenbearbeitung nachsteuern müssen, um Betroffene zu schützen und handlungsfähig zu bleiben.

Das Anti-Autokratie-Handbuch: Ein Leitfaden für Forschende zum Umgang mit erodierenden Demokratien

Stephan Lewandowsky (Projektleiter) et al.   (2025)

Das „Anti-Autokratie-Handbuch“ ist ein praxisorientierter Leitfaden für Wissenschaftler*innen, die in Kontexten von demokratischem Rückschritt und wachsendem Autoritarismus arbeiten – mit besonderem Blick auf Entwicklungen in den USA. Es beschreibt, wie Autokratisierungsprozesse akademische Freiheit unter Druck setzen (u. a. durch politische Einflussnahme, Diffamierung, Einschränkungen von Institutionen) und leitet daraus eine analyse- und handlungsorientierte Strategie ab. Kern des Handbuchs ist eine risikobasierte Selbstverortung (je nach persönlicher und institutioneller Gefährdung) sowie ein Werkzeugkasten mit konkreten Maßnahmen, die von individueller Resilienz bis zu kollektiver Organisation und Solidarität reichen, um Demokratie, Wahrheit und freie Forschung aktiv zu verteidigen.

Wissenschaftsfreiheit und
Wissenschaftskommunikation

Wissenschaft im Dialog/Verian (2025)

Das Wissenschaftsbarometer 2025 liefert eine Momentaufnahme dazu, wie Bürger*innen in Deutschland Wissenschaft und Forschung wahrnehmen, bewerten und ihnen vertrauen. Die Studie wird seit 2014 jährlich durchgeführt und kombiniert ein jeweils neues Schwerpunktthema mit wiederkehrenden Fragen aus den Vorjahren, sodass sowohl aktuelle Entwicklungen als auch Trends über die Zeit sichtbar werden.

WIDERSTANDSFÄHIGKEIT STÄRKEN:
Was Wissenschaftskommunikation Verunsicherung und Bedrohung entgegensetzen kann

Siggener Kreis (2025)

Der Siggener Impuls 2025 richtet den Blick auf die Zukunft der Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund spürbarer Verunsicherung und Bedrohungslagen in Wissenschaft, Wissenschaftspolitik, Journalismus und Kommunikation. Er beschreibt, wie Begriffe wie „Gefahr“, „Bedrohung“, „Resilienz“ und „Abwehrkräfte“ zunehmend die Debatten prägen, und leitet daraus Handlungsansätze ab, wie Wissenschaftskommunikation Orientierung geben, Vertrauen stabilisieren und Schutz- sowie Reaktionsfähigkeit gegenüber Angriffen und Polarisierung stärken kann.

Free to Think Report 

Scholars at Risk (international) (2025)

Der Free to Think Report 2025 von Scholars at Risk ist der jährliche Bericht des Academic Freedom Monitoring Project und analysiert weltweite Trends bei Angriffen auf Hochschulen, Forschende und Studierende mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu schaffen und staatliche wie nichtstaatliche Akteure zum Schutz der akademischen Freiheit zu mobilisieren.

Resilienz im Wissenschaftssystem

Wissenschaftsministerkonferenz (2025)

Der Beschluss der Wissenschaftsministerkonferenz unterstreicht – anknüpfend an die Erklärung vom 4. Juli 2025 – die Wissenschaftsfreiheit als unverzichtbare Grundlage der demokratischen Gesellschaft, ihres Wohlstands und ihrer Innovationsfähigkeit. Zugleich beschreibt er, dass Wissenschaftsfreiheit weltweit stärker unter Druck gerät, u. a. durch politische Einflussnahme, Desinformation, ökonomische Abhängigkeiten und ideologische Polarisierung, und verweist dabei ausdrücklich auch auf die zugespitzte Lage in den USA sowie die Bedeutung internationaler Solidarität.

Wissenschaftsfreiheit und
Wissenschaftskommunikation

Wissenschaft im Dialog: Dr. Benedikt Fecher, Marian Burk, Dr. Anne-Sophie Behm-
Bahtat, Dr. Svetoslava Antonova Baumann, Maja Kohler,
Bastian Kremer, Liliann Fischer
(2025)

Das Papier analysiert Wahrnehmungsunterschiede zur Wissenschaftsfreiheit in Deutschland, indem es Daten aus dem Wissenschaftsbarometer 2024 und dem Hochschul-Barometer 2024 gegenüberstellt. Es zeigt, dass Hochschulleitungen Wissenschaftsfreiheit überwiegend als gesichert einschätzen, während die Bevölkerung deutlich skeptischer ist und politische sowie ökonomische Einflussnahmen als problematischer bewertet. Gleichzeitig nehmen beide Gruppen Risiken durch öffentliche Verzerrungen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Anfeindungen gegen Forschende wahr. Daraus leitet das Papier ab, dass Wissenschaftsfreiheit nicht nur institutionell garantiert, sondern im öffentlichen Diskurs kontinuierlich begründet und verteidigt werden muss – wobei Wissenschaftskommunikation eine Schlüsselrolle spielt.

Wissenschaft und Sicherheit in Zeiten weltpolitischer Umbrüche | Positionspapier

Wissenschaftsrat (2025)

Das Positionspapier des Wissenschaftsrats beschreibt, dass durch das Erstarken nicht-demokratischer Kräfte und verschärfte geopolitische Spannungen die sicherheitspolitische Dimension von Wissenschaft deutlich an Gewicht gewinnt. Vor diesem Hintergrund formuliert es Empfehlungen, wie Wissenssicherheit gestärkt werden kann, ohne den offenen Charakter von Wissenschaft zu beschädigen: Vorgeschlagen werden abgestufte, risikobasierte Verfahren, die je nach Gefährdungslage unterschiedlich intensiv ausfallen und so Aufwand begrenzen sowie Wissenschaftsfreiheit schützen.

Wissenschaftsfreiheit schützen: Strategien
gegen demokratiefeindliche Kräfte

Die Junge Akademie: Andrea Binder, Radin Dardashti, Hani Harb, Racha Kirakosian, Kornelia Kończal,
Hanna Pfeifer, Doris Segets 
(2025)

Die Junge Akademie warnt in einer Stellungnahme vor zunehmendem Druck auf die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland und international. Sie richtet sich gegen politische und wissenschaftsfremde Eingriffe (z. B. Mittelentzug, Einschränkung von Autonomie, Abbau unliebsamer Fächer, Anfeindungen) und empfiehlt Maßnahmen in drei Feldern: Prävention, Intervention und Szenarienplanung.

Antisemitismus an deutschen Hochschulen 

AJC Berlin Ramer Institute & JSUD   (2025)

Der Lagebericht schildert aus der Perspektive betroffener jüdischer Studierender eine deutlich verschärfte antisemitische Bedrohungslage an Hochschulen und versteht sich als Appell zum konsequenten Handeln. Er fordert von Hochschulleitungen und Politik eine klare Sanktionierung von Übergriffen sowie verbindliche Aufklärungs- und Präventionsarbeit, damit Jüdinnen und Juden ohne Angst vor Diskriminierung, Einschüchterung und Angriffen studieren und arbeiten können.

Akademische Redefreiheit. Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen 

ZEIT-Stiftung Bucerius & DZHW (2024)

Der Kurzbericht liefert repräsentative empirische Befunde dazu, wie Hochschulbeschäftigte in Deutschland die Freiheit von Forschung, Lehre und akademischer Redefreiheit erleben und einschätzen. Befragt wurden Doktorand*innen, Postdoktorand*innen und Professor*innen; erfasst werden sowohl eigene Erfahrungen mit Einschränkungen (oder beobachtete Einschränkungen im Umfeld) als auch Erwartungen möglicher Restriktionen, wenn Wissenschaft nach eigenen Maßstäben betrieben wird. Ergänzend untersucht die Studie, welche Grenzen Forschende selbst ziehen und welchen Umgang sie mit Konfliktfällen und kontroversen Themen für angemessen halten – und liefert damit eine datenbasierte Grundlage für die Debatte um Wissenschaftsfreiheit und „Cancel Culture“ an Hochschulen.